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Kategorie:Internettagung Loccum

Aus Evangelisch in Niedersachsen

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Im Nachgang zur Diskussion über Realität und Virtualität habe ich noch eine kleine Geschichte gefunden, die ich 1997 für das Heft "Gegen den Trend - Surfen in die Zukunft" der aejn geschrieben habe. Mit freundlichen Grüßen Ralph-Ruprecht Bartels, Harsum

Vision 2111

Robert wacht auf, als der Löwe neben seinem Bett zum zweiten Mal brüllt. "Ist ja schon gut" murmelt er und steht auf. Der Sonardetektor schaltet und der Löwe verschwindet. Das neue Weckprogramm ist ihm etwas zu laut eingestellt. Er beschließt, sich für morgen eine sanftere Version auszuwählen. Während er seinen Schlafanzug auszieht, weitet sich plötzlich vor ihm der Raum ins Unendliche. Eine Meereslandschaft baut sich vor ihm auf. Weiße Schaumkronen leuchten auf den Wogen und das Kreischen der Möwen ist zu hören. Robert geht darauf zu und spürt nach zwei Schritten den morgendlich-kühlen Sand unter seinen Füßen. Eine Welle rollt heran und umspült ihn. Mit Absicht hatte er es so kalt programmiert, weil die Erfrischung den Kreislauf in Gang brachte. Er wirft sich in die schäumende Brandung hinein und schwimmt mit kräftigen Zügen durch die Wogen. Der Gravitationsprojektor macht die Illusion perfekt. Das Meeresprogramm war erst seit kurzem im Angebot, aber es ist bereits sehr ausgefeilt. Früher, als es in den Wohneinheiten noch mehr Platz gab, musste das Körpertraining auf speziellen Maschinen absolviert werden. Die Umgebungsprojektionen wurden damals noch als einfache Holographien erstellt. Aber als man einen Weg fand, Schwerkraft künstlich zu erzeugen und zu beeinflussen, war es nur noch ein kleiner Schritt, die Holographien damit zu verknüpfen. Der Gravitationsprojektor war etwas ganz Neues. Erstmals konnte man in die Szenarien wirklich einzutauchen und sich in seinem ganzen sinnlichen Erleben ansprechen lassen. Verschiedene ineinandergreifende Gravitationsfelder wurden so gesteuert, dass man wirklich fühlen und berühren konnte, was die Projektion einem vor Augen führte. Gegen eine Mauer laufen oder in einen See hineinspringen, durch einen Wald wandern oder einen anderen Menschen körperlich kontakten - es war nur noch eine Frage der Programmierung Ein leiser Gong zeigt Robert an, dass sein Bewegungsprogramm das erforderliche Mindestlimit erreicht hatte. Die Projektion verschwindet, als er sich aufrichtet, um in die Hygienezelle zu gehen. Wenig später sitzt er an seinem Terminal. Bevor er in sein Arbeitsprogramm einloggen kann, erscheint in der Projektion das Plebiszit-Fenster. Heute morgen sind es neun Entscheidungen, die zur Abstimmung stehen. Das meiste davon interessiert ihn nicht besonders, nebensächliche Fragen wie die, ob die Herstellung von Büchern ausgeweitet werden soll. Er klickt auf "Enthaltung". Die letzte Frage interessiert ihn schon mehr: Ob es künftig Dauerprojektionen in den Wohneinheiten geben soll. Als möglich wird genannt: kleinere Tiere, die auf Dauer in einer Ecke der Wohneinheit als Projektion erhalten bleiben. Möglich wäre auch, eine verkleinerte und verjüngte Projektion des Bewohners oder der Bewohnerin der Wohneinheit zu erstellen, die verknüpft mit einem Bewegungsprogramm zu sehen sein soll. Anscheinend haben die Psychologen sich in der Administration der Wohneinheit durchgesetzt und die sich häufenden Fälle von Nervenzusammenbrüchen und Suiziden auf eine fehlende Fortpflanzungserfahrung zurückgeführt. Robert klickt bei dieser Entscheidung das Feld "Gegenvorschlag" an und schreibt hinein, dass diese nur möglich sein soll, indem ein Morph-Programm eine neue Projektion entwirft aus den Daten eines Projektionskontaktes. Nachdem seine Stimmabgabe an den Zentralcomputer abgeschickt ist, läßt Robert sich seinen Arbeitsplan anzeigen. Er ist als "Netscout" bei der Megasoft Limited tätig. Seine Aufgabe besteht darin, interessantes Videomaterial aus dem Dschungel des Netzes herauszufiltern und es an die Programmier der Software für den Gravitationsprojektor weiterzuleiten. Nachdem die Archive der Fernsehgesellschaften und Filmstudios keine Anreize mehr boten, war es trendy, aus den privaten Videoarchiven interessante Projektionen zu basteln. Im letzten Monat hatte die Projektion "Sandburg" den ersten Platz in der Abrufliste gehabt. Eine "Sandburg" war früher ein ringförmiges Gebilde aus feinsten Silikatteilchen, die mit einem speziellen Werkzeug hergestellt wurde. Robert hatte durch Zufall die Sequenz eines Videos gefunden. Die Menschen verließen früher die Wohneinheit, um im "Draußen" irgendetwas zu unternehmen. Dabei haben wohl viele mit einem zweidimensionalen Bildaufzeichner ihre Unternehmungen dokumentiert. Seit einiger Zeit ist es Mode, diese alten zweidimensionalen Aufzeichnungen ins Netz zu bringen. Für die Programmierer war das eine Herausforderung, denn das Material ist denkbar schlecht. Zweidimensionale Filme sind für eine erstklassige Gravitationsprogrammierung kaum geeignet. Aber irgendwer hatte anscheinend eine Lösung für die verschiedenen Modulationsparameter gefunden. Es fing an mit der Videoaufzeichnung eines Jugendlichen, der damals außerhalb der Wohneinheiten sich im "Draußen" auf "Rollerblades" fortbewegte. Es handelte sich um eine Art Fußbekleidung mit deren Hilfe man eine ganz neue Form der Fortbewegung praktizieren konnte. Es hat einen unglaublichen Aufwand gekostet, daraus eine einigermaßen befriedigende Projektion zu basteln. Aber als sie dann eines Tages ins Netz kam, hat es geradezu eine Revolution ausgelöst. Plötzlich waren Projektionen aus dem Alltag der Menschen des letzten Jahrtausends der Renner. Doch es bereitete große Schwierigkeiten, im Netz verborgenes Material aufzuspüren, das bei den Usern noch Interesse wecken konnte. Robert hatte sich in der letzten Zeit intensiv mit der damaligen Lebensweise auseinander gesetzt. Das war die Voraussetzung dafür, dass er erfolgreiche Suchen programmieren konnte. Worte wie "Hamburger" oder "Motorradfahrerin" sind zunächst einfach nur sinnlos. Aber sie führen in die entlegensten Winkel des Netzes hinein, in denen sich ganz altes Material verbirgt. In einem alten Video hatte er eine Gruppe junger Menschen gesehen, die um ein helles Licht herum saßen und melodische Laute von sich gaben. Nach mehreren Versuchen konnte sein Voicesynthsizer ihm einzelne Worte daraus formen. Jetzt gibt er diese Worte in sein Suchprogramm ein: "We shall overcome". Nachdem er die Suche freigegeben hat, steht er auf und holt sich aus seinem Versorger eine Schale mit grünem Energiegelee. Ein Gong zeigt ihm an, dass die Suchmaschine auf eine Adresse gestoßen ist. In Sekundenschnelle baut sich im Raum eine Schrift auf. "Euridike - wer ruft nach mir?" Robert drückt die Taste für seinen Vorstellungsmakro: "Robert, Netscout bei Megasoft Ltd. Ich suche Programmmaterial. Hast du etwas Interessantes für mich?" "Ich habe etwas für dich, das du nicht vergessen wirst und nicht vergessen darfst!" Robert legt die Schale aus der Hand und gibt die Übertragung frei. In seiner Projektionsecke baut sich eine Szene auf, die ihn erstarren lässt. Es ist anscheinend eine Straße in einer der alten Städte. Links und rechts ragen Reste alter Wohneinheiten empor. Darüber liegt ein grauer Himmel. Mitten über der Straße ist ein hellgrauer, fast weißer Fleck zu sehen. Von ihm her bekommt das Geschehen in der Straße etwas Licht. Und was sich da abspielt, lässt seinen Magen zusammenziehen. Er spürt ein Würgen und kann nur mit Mühe die Beherrschung wiederfinden. Am Rand der Straße ist ein helles, unregelmäßig flackerndes Licht zu erkennen. Darum herum stehen Menschen und obwohl sie ihm den Rücken zukehren, kann Robert ihre ungewöhnliche Bekleidung erkennen. Es sieht fast so aus, als hätten sie am ganzen Körper Haare. Doch das, was bei ihm den Ekel verursacht, befindet sich über dem hellen Licht. An einer Stange dreht einer der haarigen Gestalten ein Stück rostbraunes Fleisch. Plötzlich tritt ein zweiter dazu und trennt mit einem Metallstück etwas von dem Fleisch ab. Als er es sich in den Mund steckt, muss Robert die Hygienezelle aufsuchen. Die Projektion ist verschwunden, als er zurückkommt. Statt dessen steht in großen Buchstaben eine Nachricht der Frau in seiner Projektionsecke: "Hat es dir gefallen?" Robert setzt sich wieder an seinen Terminal und schreibt zurück, aus welchem Jahr die Projektion stamme und ob er daran die Rechte erwerben könne. "Das ist eine Liveprojektion!" kommt als Antwort zurück. Robert will wissen, was dieses "Live" bedeutet. "Es bedeutet, dass das, was du gesehen hast, sich genau in diesem Moment ereignet hat - im Draußen!" "Im Draußen?" Robert kann es nicht fassen, "Im Draußen ist nichts. Im Draußen ist Nebel und Kälte - man kann da nicht leben..." "Ihr könnt da nicht leben! Aber wir müssen es! Wir werden nicht in die Wohneinheiten hereingelassen, denn..." Plötzlich ist die Schrift verschwunden. Stattdessen erscheint das Logo von Megasoft in der Projektion. Um das Logo kreist eine Nachricht "Kontakt unterbrochen ... Kontakt unterbrochen ... Kontakt unterbrochen ..."

(Ralph-Ruprecht Bartels)